Pressebild des HTC One

Seitdem HTC gestern das HTC One vorgestellt hat, überschlagen sich die Nachrichten rund um das neuste Flaggschiff der Taiwaner. Und auch von mir hochgeschätzte Kollegen haben sich zu Kommentaren zum HTC One hinreißen lassen. Der Grundtenor bei Android Next, den Mobile Geeks und SmartDroid ist durchweg positiv. Sie sehen das HTC One als ersten und richtigen Schritt, um die missliche Lage von HTC zu beenden.

Leider kann ich dem so nicht zustimmen…..

Um eines vorweg zu sagen: Ich hatte das HTC One noch nicht in der Hand, wie die meisten Blogger auch nicht. Aber ich will trotzdem versuchen, eine faire und objektive Einschätzung zum Gerät und seinem wahrscheinlichen Impact zu geben.

Das HTC One ist ein hervorragendes Smartphone. Nach allem, was man bisher darüber gelesen hat, kombiniert es eine ausgezeichnete Verarbeitungsqualität mit technischer Ausstattung der Spitzenklasse. Das 4,7 Zoll Full HD Display und der neue Snapdragon 600 Prozessor sprechen hier eine eindeutige Sprache.

Kein Wow-Faktor 

Das Problem an der Sache ist allerdings, dass HTC so tief in der Scheiße steckt, dass ein hervorragendes Gerät allein nicht reicht.

Um genügend Buzz zu erzeugen, außerhalb unserer kleinen Tech-Welt, hätte HTC gestern mit etwas kommen müssen, was uns alles umhaut. Wortwörtlich umhaut. Das hat das Unternehmen aus Taiwan schlicht und ergreifend nicht geschafft. Es fehlt der Wow-Faktor, der “muss ich unbedingt haben”-Faktor. Ist das HTC One hervorragend verarbeitet? Ja. Ist es technisch auf dem allerneusten Stand der Dinge? Wieder ja. Aber all das reicht nicht mehr. Das können andere Hersteller auch.

Die kleinen Dinge, die besser als die Konkurrenz sind, reichen nicht 

Die kleinen Dinge, die das HTC One besser als die bisherige Konkurrenz macht, reichen meiner Meinung nach nicht aus, um die große Wende zu schaffen. Mir kann doch keiner erzählen, dass ich die paar zusätzlichen PPI merke, die daraus entstehen, dass HTC eine Full HD Auflösung auf ein 4,7 Zoll statt 5 Zoll Display gepackt hat. Ich applaudiere zwar HTC, dass sie sich für den neuen Snapdragon 600 entschieden haben und nicht, wie vielfach vermutet, für den Snapdragon S4 Pro. Doch mal im Ernst: Wird das irgendeiner merken? Gibt es in der realen Welt einen fühlbaren Unterschied zwischen Snapdragon 600 und Snapdragon S4 Pro? Mit Sicherheit nicht. Das ist nur wichtig für Leute, die sich einen auf Benchmarks herunterholen. Doch dazu gehört eben nicht die große Masse der normalen Käufer und eben die muss HTC ansprechen, um der eigenen Krise zu entkommen.

Ich stehe selbst auf Benchmarks, also wieso kritisiere ich das? Weil ein neuer Prozessor per se immer teurer als ein alter ist. Und wenn der “alte” immer noch potent ist und man in der realen Welt keinen Unterschied merkt, hätte man vielleicht doch auf den Snapdragon S4 Pro setzen sollen und so Kosten einsparen. Die hätte man entweder an den Käufer weitergeben können und das HTC One wettbewerbsfähiger machen, denn 679 Euro sind ein nicht gerade kleiner Preis. Oder man hätte die eigene Marge erhöhen können, was für die Finanzen des Unternehmens ebenfalls nicht schlecht gewesen wäre.

Totalausfall: Sense 5 und Ultrapixel

Kommen wir zu zwei weiteren Punkten, die ich persönlich für einen Totalausfall halte: Sense 5 und die “Ultrapixel” Kamera.

Es ist löblich von HTC, dass sie dem Megapixelwahn ein Ende bereiten wollen und sich jenseits dessen der Verbesserung der Kamera widmen wollen. Aber seien wir mal ehrlich, HTC hat weder den Ruf noch das Geld, den Käufern schnell verständlich zu machen, dass ihre 4 Megapixel, die sie jetzt “Ultrapixel” nennen, besser sind als die 8 bzw. 13 Megapixel Kameras der Konkurrenz. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass potentielle Käufer HTC’s “Ultrapixel” verstehen werden.

Die neuste Version von Sense, Sense 5, könnte so schön sein. Könnte, denn HTC’s BlinkFeed bricht mit so ziemlich jeder bekannten Android-Konvention und wird, so meine Vermutung, die potentiellen Käufer ebenfalls verwirren.  Alle Videos, die ich bisher von Sense 5 gesehen habe, waren schlicht und ergreifend “messy”. Der absurde BlinkFeed kann nicht einmal mit eigenen RSS-Feeds bestückt werden und umfasst zurzeit nur “ausgewählte Partner” von HTC. Der neue App-Drawer unterstützt jetzt zwar direkt Ordner, hat aber das Kalender-Widget integriert, zeigt per Standardansicht nur 3×3 Apps und scrollt nun wieder, wie in den Anfangszeiten von Android, von oben nach unten.

HTC hat also einen großen Misch-Masch veranstaltet. Den App-Drawer mit dem Homescreen gekreuzt und den Homescreen durch einen billigen Reader ersetzt, der hier und dort Infos aus Nachrichtenquellen und Social Networks aggregiert. Ach, habe ich schon erwähnt, dass das HTC One wieder keinen auswechselbaren Akku hat und auch wieder keinen SD-Kartenslot?

Um ein Fazit zu geben: Das HTC One ist ein ausgezeichnetes Gerät, auch wenn sich das nach den letzten Absätzen vielleicht anders liest. Es ist bloß nicht das erwartete und erhoffte Flaggschiff, welches nötig ist, um HTC wieder auf richtigen Kurs zu bringen. Dazu ist es erstens zu teuer, zweitens ist die Software zu chaotisch, drittens werden die Kunden die “Ultrapixel” nicht verstehen und viertens krankt es wieder einmal an einem fest verbauten Akku und fehlendem Kartenslot.

Von dem verwirrenden Namen mal ganz zu schweigen. Oder ist es logisch, vom Namen her, dass ein HTC One technisch besser ist, als ein HTC One X+ ?

Ich wünschte, ich könnte was anderes schreiben, aber so wird das leider alles nichts. Schade, HTC, ich hätte mir für euch besseres erhofft!

Über den Autor: Kaan Gürayer


Kaan Gürayer ist Gründer von Gadget-Time.de, leidenschaftlicher Nutzer von Android und immer auf der Suche nach den neusten News rund um das beste mobile Betriebssystem der Welt.

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